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IdA-Fachtag jetzt am

23.03.2022 15:00 – 18:00 Uhr

als Online – Veranstaltung

IdA steht für Interdisziplinäre demenzsensible Akutversorgung und ist ein innovativer Ansatz zur Unterstützung älterer Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen während eines Krankenhausaufenthalts auf somatischen Stationen aufgrund einer körperlichen Erkrankung.

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Warum braucht es ein Projekt wie „IdA“?

Nach Ergebnissen der General Hospital Study - GHoSt leidet mit 18,4 Prozent fast jeder fünfte ältere Patient in Allgemeinkrankenhäusern unter einer komorbiden Demenz, ein ebenso hoher Anteil unter leichten kognitiven Störungen. Bei der Aufnahme ist dies in den wenigsten Fällen bekannt (1; 2). Menschen mit kognitiven Einschränkungen sind rational nicht immer erreichbar, sie können sich in fremder Umgebung nicht gut orientieren und verstehen oft den Grund des Krankenhausaufenthalts nicht. Auf Veränderungen reagieren sie oft „herausfordernd“. Mit den Auswirkungen sind alle Berufsgruppen konfrontiert (Weglauftendenz, Ablehnung diagnostischer und therapeutischer Interventionen, Ziehen von Schläuchen nach OP etc.). Ein Krankenhausaufenthalt ist für diese Patientengruppe mit hohen Risiken verbunden, die nicht aus der Grunderkrankung, sondern aus den Begleitsymptomen resultieren. Sie stellen darüber hinaus an das pflegerische und medizinische Personal besondere Anforderungen und erfordern einen erhöhten Zeitaufwand (3; 4; 5). Der Versorgungsalltag auf den somatischen Stationen ist derzeit darauf nicht eingestellt. Bekannte Folgen sind insbesondere Überlastungen des Pflegepersonals, mangelnder Einbezug der Angehörigen, Delirien mit einem erhöhten Risiko für nosokomiale Infektionen, Mangelernährung, Stürze und eine daraus resultierende verlängerte Verweildauer, häufig verbunden mit Mehrfachverlegungen zwischen den verschiedenen Fachabteilungen. In der Folge entsteht ein erheblicher Behandlungs- und Pflegeaufwand, sowohl innerhalb des Krankenhauses als auch nach der Entlassung mit einem erhöhten Betreuungsaufwand durch Angehörige und ambulante Dienste bis hin zur Notwendigkeit der Aufnahme in eine stationäre Pflegeeinrichtung (6). Bereits im Jahr 2012 stellte dazu der Deutsche Ethikrat fest: „Im stationären Bereich geht es um den Aufbau demenzfreundlicher Stationen oder Teilstationen, die in ihrer Ausstattung, ihrer Tagesablaufgestaltung und ihren Zusatzangeboten und Personalstrukturen auf den Personenkreis der Demenzbetroffenen ausgerichtet sind“ (7). Dies soll im Projekt "IdA" erprobt und evaluiert werden.

Wie kann ein Projekt wie „IdA“ helfen?

Wie Erfahrungen u.a. an einem „IdA“ Projektstandort (Hennigsdorf) zeigen, kann die Schaffung sog. Special Care Units (SCU) angesichts der demografischen Entwicklung und der bereits feststellbaren deutlichen und auch weiterhin anstehenden Zunahme älterer und hochaltriger stationär behandlungsbedürftiger Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen kein Lösungsansatz sein, mit dem die Probleme dauerhaft und flächendeckend gelöst werden können. Perspektivisch ist vielmehr die Anpassung der Versorgungsroutinen auf den somatischen Stationen insgesamt erforderlich. Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Demenz benötigen mehr als andere Patientengruppen Struktur, Beschäftigungs- und Bewegungsmöglichkeiten. Sie sind auf eine flexible Anpassung der Abläufe an ihre individuelle Bedarfslage und eine haltgebende Tagesstruktur angewiesen. Wenngleich unterschiedliche Ansätze zur Verbesserung der stationären Versorgung von Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen verschiedentlich bereits erprobt wurden (3; 8) und vorliegende Befunde darauf hindeuten, dass durch spezifische Maßnahmen die Belastung des Pflegepersonals, Delirraten und Stürze vermindert, Verweildauern verkürzt und Notfallverlegungen in die Akutpsychiatrie und Institutionalisierungen verhindert werden können (6; 9), bestehen spezielle Betreuungsangebote gleichwohl nach wie vor nur vereinzelt. Die Autoren der GHoSt-Studie schließen, dass eine „flächendeckende Implementierung“ der in Modellprojekten erprobten demenzsensiblen Angebote zwar wünschenswert wäre; sie stellen weiter aber fest: „Es bedarf qualifizierter Evaluationsstudien, die generalisierbare Aussagen zur Wirksamkeit der Maßnahmen erlauben“ (2). Zu konstatieren ist des Weiteren, dass bislang Ansätze fehlen, die zeigen, wie die stationäre Versorgung kognitiv beeinträchtigter Patienten effektiv und systematisch mit der prä- und mit der post-stationären ambulanten Versorgung vernetzt werden kann. Damit bleiben Potenziale, stationäre Aufnahmen im Vorfeld zu vermeiden oder Verweildauern zu verkürzen und Wiederaufnahmen vorzubeugen, bislang ungenutzt.

Welche Ziele verfolgt das Projekt „IdA“?

Im Projekt „IdA“ werden bereits erprobte Maßnahmen sowie für die Vernetzung mit der ambulanten Versorgung neu entwickelte Maßnahmen in einer geschlossenen Fachabteilungs- und sektorenübergreifenden Konzeption zusammengefasst und mit einer qualifizierten Evaluationsstudie verbunden, die als multizentrische kontrollierte prospektive Kohortenstudie konzipiert ist. Zentrale Zielgrößen des Projektes sind:

  • Vermeidung/Reduktion von Delirien
  • Vermeidung/Reduktion von Stürzen
  • Vermeidung/Reduktion von Krisensituationen mit konsekutiver Notfallverlegung in die Akutpsychiatrie
  • Vermeidung des Verlusts kognitiver und von Alltagsfertigkeiten während des stationären Aufenthaltes
  • Optimierung der Verordnung von Neuroleptika und Benzodiazepinen
  • Vermeidung/Reduktion von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen
  • Verkürzung der Verweildauer
  • Verringerung von stationären Wiederaufnahmen
  • Vermeidung von Institutionalisierungen
  • Reduktion der Belastung des Pflegepersonals auf den Stationen
  • Verringerung der Belastungen für kognitiv veränderte Patienten und Patientinnen während des stationären Aufenthalts.

Welche Erfahrungen gibt es bisher mit IdA?

Fallbeispiel 1

Eine besorgte Tochter wandte sich über das Kontaktformular auf der IdA-Homepage an das Projektteam und schilderte folgenden Sachverhalt:

  • Mutter ist schwerstdement und lebt im Heim.
  • Eine „entzündete Druckstelle am Fuss“ (Gangrän bei diabetischem Fußsyndrom mit infizierter Ulzeration der Großzehe) sollte bereits vor 6 Wochen im Rahmen eines stationären Krankenhausaufenthaltes behandelt werden.
  • Die somatische Behandlung konnte nach der Aufnahme im Krankenhaus nicht stattfinden, die Patientin „ließ sich nicht behandeln bzw. anfassen und wollte immer weglaufen“.
  • Der Behandlungsversuch wurde abgebrochen und die Patientin unverändert in das Pflegeheim entlassen.

Am Tag nach der Kontaktmail wurde die Patientin in einem IdA Krankenhaus auf der Gefäßchirurgie aufgenommen und in das Projekt eingeschlossen.

Nach Absprache der IdA-Koordinatorin mit der Tochter und der behandelnden Hausärztin, fanden 3-4 IdA-Betreuungen pro Tag durch 2 Bezugsbegleiter/Tagesbegleiter statt.

Die noch 6 Wochen zuvor als „unbehandelbar“ geltende Patientin konnte so kognitiv stabilisiert werden und wirkte im Rahmen ihrer Möglichkeiten sogar bei der Behandlung des somatischen Leidens mit.

Nach ca. 3 Wochen wurde die Patientin nach erfolgreicher Behandlung/OP kognitiv stabil in das Heim entlassen werden und benötigte keinerlei zusätzliche Unterstützung im Vergleich zur Aufnahme.

Standorte der teilnehmenden Kliniken

Oberhavel Kliniken

Ernst von Bergmann Klinikum

Klinikum Niederlausitz

Arztflyer zum Download

Literaturverzeichnis

(1) Robert-Bosch-Stiftung (Hg.) 2016: General Hospital Study – GHoSt Zusammenfassung einer repräsentativen Studie zu kognitiven Störungen und Demenz in den Allgemeinkrankenhäusern von Baden-Württemberg und Bayern. http://www.boschstiftung.de/sites/default/files/publications/pdf_import/Studie_Demenz_im_Akutkrankenhaus.pdf (zuletzt abgerufen am 14.03.2018)

(2) Hendlmeier, I. et al. 2017: Demenzsensible Versorgungsangebote im Krankenhaus. Repräsentative Ergebnisse aus der General Hospital Study (GHoSt). Z Gerontol Geriat. https://doi.org/10.1007/s00391-017-1339-7 (zuletzt abgerufen am 18.03.2018)

(3) Kirchen-Peters, S. 2014: Herausforderung Demenz im Krankenhaus. Ergebnisse und Lösungsansätze aus dem Projekt Dem-i-K iso Institut 2014

(4) Angerhausen S. 2009: „Blickwechsel – Nebendiagnose Demenz“. Hrsg. GSP – Gemeinnützige Gesellschaft für soziale Projekte. Wuppertal

(5) Kleina, T., Wingenfeld, K. 2007: Die Versorgung demenzkranker älterer Menschen im Krankenhaus. Veröffentlichungsreihe des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld (IPW) Bielefeld

(6) Inouye, S.K. et.al. 2014: Delirium in elderly people, Lancet. 2014 Mar 8;383 (9920):911-22.

(7) Deutscher Ethikrat 2012: Demenz und Selbstbestimmung. Stellungnahme. Berlin.

(8) Robert-Bosch-Stiftung 2018: Geförderte Projekte. http://www.boschstiftung.de/de/projekt/menschen-mit-demenz-im-akutkrankenhaus/gefoerderte-projekte (zuletzt abgerufen am 05.03.2018)

(9) Rubin, T. 2011 Sustainability and Scalability of the Hospital Elder Life Program at a Community Hospital. Journal of the American Geriatrics Society 59(2): 359-365